HansWitzkewitz
Autor und bildender Künstler
Schöpfung endlich fertig – Gott sei dank! Aber so viele Tage? Ach Gott! Schon pfuscht Mensch dazwischen. Ich erschaffe täglich - nach dem Morgenkaffee - meine neue Welt.
Und siehe: es wird gut, manchmal Wut. Oft auch Pfusch ach, halt die Gusch!
Aufgewachsen in Hainichen
Aufgewachsen bin ich in Hainichen, einer Kleinstadt im Herzen Sachsens. Als Kleinkind trank ich aus einem Tintenglas, was unsere Hausärztin zu der Feststellung veranlasste, dass ich sicherlich einmal Schriftsteller werden wolle. Damals wusste ich nicht, was ein Schriftsteller war, geschweige denn, was er außer Tinte trinken noch tat, aber ich merkte mir: Schriftsteller werden.
Meine Eltern konnten mir keinerlei musische Bildung mit auf den Weg geben, alles, was mit Kunst zu tun hatte, war ihnen suspekt und als ich als 14-Jähriger Gitarre oder Klavier lernen wollte, erntete ich nur Kopfschütteln.
Allerdings meldete mich mein Vater beim örtlichen Kantor an, der mir Flügelhorn beibringen sollte, ein Instrument, das er selbst in seiner Jugend hatte lernen müssen, das mir aber schon beim Anblick einen Schauer des Grauens über den Rücken jagte. Ich wollte nicht irgendwo rumstehen und ins Horn stoßen, sondern am Lagerfeuer die Mädels mit Gitarrenspiel beeindrucken.

Mein Unterricht war nicht nur gratis, sondern völlig umsonst. Ich übte nie und pustete nur in den wöchentlichen Unterrichtsstunden in das ungeliebte Instrument, so dass mir der Kantor schon nach wenigen Monaten Talentfreiheit bescheinigte und mich von diesem Instrument erlöste.
In den Unterrichtsstunden, die sich „Zeichnen“ nannten und in denen lediglich realistisch gezeichnet und gemalt wurde, erzielte ich keine nennenswerten Erfolge und vertiefte mich auch nicht in bestimmte Techniken, so wie es der Lehrer gern gehabt hätte. Zum einen hielt ich durch die Möglichkeit des Fotografierens den „sozialistischen Realismus“ als Kunstrichtung für überflüssig und zum anderen gab ich mich damit zufrieden, dass Zeichnen und Malen mir nicht lag und deshalb nichts für mich sei.
Aber ich schrieb sehr gern, erst Schulaufsätze, dann Kurzgeschichten, später auch Gedichte, die „Berufsberatung“ der Hausärztin wirkte nach. Das allererste, was ich geschrieben hatte, die Definition eines Schachtelsatzes, wurde sofort im „Eulenspiegel“ veröffentlicht. Fatal für einen Achtzehnjährigen, der sich das „kreative Schreiben“ autodidaktisch beigebracht hatte und nun auf den großen Wurf hoffte, der wie aus einem Guss ohne Überarbeitung zustande kommen sollte! Mit meiner ersten und einzigen Veröffentlichung in der DDR hatte es ja auch so funktioniert, auch wenn selbst da eine Überarbeitung nötig gewesen wäre, aber das begriff ich erst Jahrzehnte später.
Dem Alter nach war ich erwachsen, hatte eine Lehre begonnen und entdeckte mit Hilfe von Freunden meine Liebe zur Rockmusik, speziell zu der Richtung, die sich Avantgarde nannte.

Im Atelier
Immer wenn ich in Hainichen war, zog es mich magisch ins Atelier eines Malers, der einen ehemaligen Schulkollegen als Privatschüler hatte. Dieser hatte mich einfach eines Tages mitgeschleppt, weil der Maler eine riesengroße Schallplattensammlung besaß. Ich war jederzeit willkommen, nicht nur, weil ich als angehender Elektriker die Lieblingslampe des Meisters repariert hatte. In seinem Atelier gingen noch ein paar Gleichaltrige, ein und aus, auch Mädchen waren dabei. Fast jeden Abend hockten wir zusammen, tranken Tee, manchmal auch Bier oder Rotwein und hörten Musik.

Ich mochte es, dem Maler bei seiner Arbeit zuzusehen, egal, ob er zeichnete, malte oder druckte. Jederzeit hätte auch ich mir eine Staffelei in die Ecke stellen und loslegen können, wie es einige meiner neuen Freunde inzwischen taten, aber ich hatte ja beschlossen, dass bildende Kunst nichts für mich sei.
Ich saß in einem Ohrensessel gegenüber den Boxen der Stereoanlage, hörte am liebsten Genesis, Van der Graaf Generator, King Crimson oder Frank Zappa, blätterte oft in einem Wörterbuch und übersetzte die Texte.
Manchmal hatte ich Ideen zu eigenen Gedichten, schrieb diese nieder und hielt mich nach und nach für einen Dichter, was mir gelegentlich bestätigt wurde, wenn ich meine Kreationen vortrug. Im Atelier gab es ein paar Vorkriegsbücher über Dadaismus und Surrealismus, eines davon handelte von Kurt Schwitters. Ich war sofort hin und weg, behandelte die Bücher wie Heiligtümer, schrieb ganze Kapitel in mein Notizbuch und beschloss, ein schreibender Neo-Dadaist zu werden. Keine Ahnung, was das genau sein sollte.
Ich wusste, dass ich mein Konzept mit dem hochtrabenden Titel „Ernsthafter Blödsinn“ niemals würde in der DDR verwirklichen, geschweige denn etwas davon veröffentlichen konnte, aber ich wollte den Sprung in eine verlockende, ungewisse Zukunft wagen und stellte 1983 einen Ausreiseantrag, der 1984 genehmigt wurde.
Die Ausreise
Am 10. April 84 fuhr ich mit dem Zug von Hainichen über Karl-Marx-Stadt, Dresden und Prag nach Wien.
Übermüdet und überschwänglich euphorisch saugte ich „den Westen“ in mich auf, alles wurde in mir zu Musik, egal, was mir begegnete und widerfuhr, für jede Gelegenheit hatte ich den passenden Song, der in mir widerhallte und mich kreuz und quer durch die österreichische Hauptstadt katapultierte. Die deutsche Botschaft gewährte mir Konsularhilfe und gab meiner nahen Zukunft eine Richtung: „Sie wollen doch bestimmt nach Gießen ins Notaufnahmelager!“ Nachdem der Botschaftsmitarbeiter diesen Satz ausgesprochen hatte, wusste ich, dass ich nach Gießen ins Notaufnahmelager wollte.


Dort verflog meine Euphorie, ich wurde binnen einer Woche Bundesbürger, der Alltagstrott hatte mich wieder. Bei entfernten Verwandten kam ich in Norddeutschland unter, hatte ein Dach über dem Kopf, eine Anstellung in meinem erlernten Beruf und hätte ein stinknormales bürgerliches Leben führen können, was ich aber niemals gewollt hatte und selbst heute noch nicht will. Völlig unzufrieden mit der neuen Situation suchte ich nach einem Ausweg, der sich sehr schnell fand. Zum Entsetzen meiner Verwandtschaft bejubelte ich meine Entlassung zum Ende der Probezeit und riß das Ruder auf meinem Lebensweg herum: Abitur auf dem 2. Bildungsweg, neuen Freundes- und Bekanntenkreis aufbauen, mich selbst umorientieren und neu aufstellen.
Schreiben ohne Zensur
Endlich fand ich Zeit und Muße zum Schreiben ohne Zensur im Kopf und begriff, dass Freiheit ein kostbares Geschenk ist, welches richtig benutzt werden muss und niemals wie ein Pokal in die Vitrine gestellt und nur einmal in der Woche zum Staubwischen raus genommen werden darf.
Neues Leben, alte Fehler. Ich schrieb eine Episodensammlung, die ich für einen Roman hielt. Überarbeiten war für mich immer noch ein Fremdwort, aber nach ungefähr zwei Jahren hatte ich über 250 Schreibmaschinenseiten mit Text gefüllt, musste lange nach einem Schluss suchen und fand schließlich einen, der gleichzeitig einen neuen Anfang in sich barg.

Die Komplementärfarben sind aus Goethes Farbkreis ausgebrochen und stehen sich auf dem Schlachtfeld des Kunstmarktes feindlich gegenüber. Zwangsläufig vermischen sie sich, büßen dabei ihre Farbigkeit ein und ergeben sich im Grau. Dieses Grau graut vor sich hin. Wie grauenhaft!
Ich kam mir genial vor, eine sehr exklusive Selbsteinschätzung, keiner traute sich, diese mit mir zu teilen. Auch nicht die Münchner Literaturagentur, die ich über eine Zeitungsannonce gefunden hatte und die bereit war, sich für einen geringen Jahresbeitrag um mein gesamtes künstlerisches Schaffen zu kümmern. Aber statt einer Veröffentlichungshilfe bekam ich Hinweise zur Überarbeitung meiner eingesandten Texte. Sofort und auf der Stelle wollte ich den Vertrag kündigen, beschloss dann aber, der Agentur noch eine Chance zu geben und hielt mich an ihre Überarbeitungsvorschläge, nur um ihnen zu zeigen, was das für ein Blödsinn war, den sie da mit mir vorhatten.
Schon beim ersten Absatz merkte ich, dass mein Text spürbar besser wurde, meine Arroganz war von einer Minute auf die andere weggeblasen, das Überarbeiten machte mir plötzlich Spaß, denn ich spürte, dass ich von Versuch zu Versuch immer besser wurde und dass Genie zwar ein klein wenig mit Inspiration, aber ganz, ganz viel mit Transpiration zu tun hatte.
Außer für kreatives Schreiben interessierte ich mich nach wie vor für Musik, auch wenn ich selbst kein Instrument spielte, aber es war mir klar, dass ich über Musik schreiben würde, was ich auch in Form von Konzertberichten und Plattenkritiken tat. Endlich konnte ich Konzerte meiner Lieblingsbands besuchen und eines Tages entdeckte ich einen Veranstaltungshinweis, der eine Ausstellung von Brian Eno ankündigte. Etwa der Brian Eno, der früher bei Roxy Music gespielt hatte und von dem ich eine Platte mit experimenteller Musik namens „Music for Airports“ besaß?
Das Erlebnis in Hamburg
Nachdem ich die Hamburger „Kleine Markthalle“ betreten hatte, musste ich auf der Stelle stehenbleiben, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Sphärische Klänge waberten durch den Raum und nach und nach erkannte ich nachleuchtende Fußspuren auf dem Boden und Leuchtkästen an den Wänden, deren Licht sich in Intervallen schlagartig änderte. In der Ankündigung hatte ich gelesen, dass Enos Installationen aus der Perspektive eines Froschauges zu verstehen seien, aber das interessierte mich in diesem Augenblick überhaupt nicht.
„Das will ich auch!“ War mein einziger Gedanke und von einem Moment auf den anderen wurde ich bildender Künstler.
Flyer zur Museumssommernacht im Staatsschauspiel Dresden, 12. Juli 2003.
Fasziniert schlenderte ich durch die Ausstellung und da war es wieder, dieses Gefühl von Euphorie, Begeisterung und innerlichem Abheben, das ich vor und während meiner Ausreise gespürt hatte, das sich aber beim Ausfüllen von Formularen im Notaufnahmelager Gießen ganz schnell verflüchtigt hatte. In Gedanken vertieft lief ich in der Ausstellung hin und her, die Musik wirkte unterbewusst auf mich ein, ich achtete aber kaum noch auf die gezeigten Objekte.
Es war samstags, die Baumärkte hatten noch offen, ich musste sofort hin, Plexiglas und Kleber kaufen, Folie hatte ich zuhause. Vielleicht hatten sie ja auch passende Rahmen? Ach ja, welche Leuchtmittel würde ich verwenden, denn plötzliche Lichtwechsel sollte es nicht geben, keinesfalls würde ich mit meinen Leuchtobjekten die von Brian Eno abkupfern.
Leuchtobjekte
Im Baumarkt entschied ich mich für milchiges Acrylglas und auf einmal wusste ich, dass meine Leuchtobjekte auch ohne Licht „als Bilder“ funktionieren mussten, durch das Licht sollte eine weitere Ebene hinzukommen, die aber durch Ausschalten auch wieder verschwinden durfte.
Diese Idee verfolge ich noch heute, jedenfalls bei den Leuchtobjekten, bei denen ich das Licht in einem Rahmen „einsperre“.
Lange blieben die Acrylplatten unberührt, weil ich mich nicht für eine bestimmte Technik entscheiden konnte. Mit Farbfolie bekleben? Ja, aber welche Motive? Bemalen kam gar nicht in Frage, weil das Licht jeden falschen Pinselstrich entlarven würde. Ich experimentierte sehr lange, schließlich fand ich Muster und Figuren, die ich aus Farbfolie ausschnitt und auf das Plexiglas klebte. Auch auf der Rückseite, die aber erst zu sehen war, wenn man das Licht einschaltete.



Bei meiner ersten Ausstellung im Ateliertheater Köln wurden meine zehn Leuchtobjekte als Zuschauerraumbeleuchtung genutzt und konnten immer vor und nach einer Vorstellung betrachtet werden. Die Objekte hingen ein Vierteljahr, drei konnte ich verkaufen.
„Höhlenmalerei“ nannte ich diese Serie, trotz des Verkaufserfolgs wandte ich mich in weiteren Arbeiten anderen Themen zu. Nach und nach entwickelte ich chaotische Strukturen, die von exakten Linien begrenzt oder unterbrochen wurden.
Sehr gern arbeitete ich mit Gegensätzen, nicht nur Geometrie und Chaos, vier und drei oder männlich – weiblich. Außerdem liebe ich das Gegenüberstellen von Komplementärfarbenpaaren.
Oft benutzte ich für die Bildebene Schwarz-Weiss und daraus resultierende Grautöne.
Hast du schon das Monster entdeckt im Chaos? Leider zu spät, du hättest es hören müssen, um noch eine Chance zur Flucht zu haben. Nun hast du das Monster gesehen und wisse: Es wird dich nicht nur anfassen, es wird dich erfassen. Zur spät zur Umkehr. Du bist meinem Bild verfallen.
Pareidolie: Hinter Mustern und Strukturen verbergen sich Figuren!

Inzwischen verwende ich hauptsächlich LED-Leuchtmittel, Leuchtstofflampen benutze ich gelegentlich noch in Collagen, bringe sie aber nur noch sehr selten selbst zum Leuchten.
Mittlerweile entwickelte ich eine bestimmte Technik, Acrylfarbe auf Acrylglas aufzutragen, tue dies aber auch auf Papier und andere Materialien.
Muster und Strukturen
Nach wie vor fotografiere ich Muster und Strukturen (z.B. während meines Studiums an der HBK Braunschweig die Atelierfußböden).

Wir sind die Krone der Schöpfung. Seit wir das Wort Umwelt sprechend zum Leben erweckt haben, umgibt uns die Welt, aber wir gehören nicht mehr zu ihr. Was wollen wir noch hier, erschöpft wie wir sind? Weg mit uns!
Letzteres stellt für mich die Essenz der Kunst dar, die ins Unterbewusste gefallen (oder getropft) ist und die ich einerseits ins Bewusstsein zurück hebe und andererseits in eine andere Richtung lenke, indem ich die Fotos zusätzlich mit neuen chaotischen Strukturen versehe.

Liebe Natur! Heute muss ich Dir mal wieder schreiben. Mir geht es so lala, wie geht es Dir? Auch die Nachbarn haben sich nach Dir erkundigt und lassen grüßen. Ich habe Dich nämlich fotografiert und dann die Resultate verfremdet und es ihnen gezeigt. Sie finden auch, dass Du uns ganz schön fremd geworden bist. Schäm Dich!
Vor Beginn meiner Arbeit weiß ich nie, wie das Resultat aussehen wird, das aber ist inzwischen ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeitsweise geworden.
Der Weg ist das Ziel
Der Weg ist das Ziel, auch wenn manchmal das Ziel weg ist, es taucht doch immer wieder auf, auch wenn das manchmal Jahre dauert.

Beinahe unnötig zu erwähnen, dass Schreiben mich stets auf meinem Weg begleitet, Gedichte sind entstanden, Satiren, Theaterstücke und Romanprojekte.


Ist eine Linie ein Teil der Wirklichkeit oder nur eine menschliche Einbildung, die wir auf die Wirklichkeit projizieren, um das Chaos einzugrenzen, zu verstehen, zu ordnen?
Ein Symbol unserer Hilflosigkeit.
Ist die Linie aus einem Punkt entstanden oder lässt sie sich auf diesen reduzieren und wenn ja: Was war zuerst da?
Punkt und Linie werden in der Vergrößerung zur Fläche, wurden sie jemals wissenschaftlich nachgewiesen?
Mometan arbeite ich an einem Roman mit dem Arbeitstitel „Der merkwürdige Herr Weh“.
Galerie
Bevor Gott sein Werk begann, klatschte er in die Hände. Heute nennt man das Urknall.
Ein BILD ung
ich bin eingebildet er künstler nur mensch kein gott verdammt mich nicht.

























































































































































































