
Mein Unterricht war nicht nur gratis, sondern völlig umsonst. Ich übte nie und pustete nur in den
wöchentlichen Unterrichtsstunden in das ungeliebte Instrument, so dass mir der Kantor schon nach
wenigen Monaten Talentfreiheit bescheinigte und mich von diesem Instrument erlöste.
In den Unterrichtsstunden, die sich „Zeichnen“ nannten und in denen lediglich realistisch gezeichnet
und gemalt wurde, erzielte ich keine nennenswerten Erfolge und vertiefte mich auch nicht in bestimm-
te Techniken, so wie es der Lehrer gern gehabt hätte. Zum einen hielt ich durch die Möglichkeit des
Fotografierens den „sozialistischen Realismus“ als Kunstrichtung für überflüssig und zum anderen
gab ich mich damit zufrieden, dass Zeichnen und Malen mir nicht lag und deshalb nichts für mich sei.
Aber ich schrieb sehr gern, erst Schulaufsätze, dann Kurzgeschichten, später auch Gedichte, die „Be-
rufsberatung“ der Hausärztin wirkte nach. Das allererste, was ich geschrieben hatte, die Definition
eines Schachtelsatzes, wurde sofort im „Eulenspiegel“ veröffentlicht. Fatal für einen Achtzehnjähri-
gen, der sich das „kreative Schreiben“ autodidaktisch beigebracht hatte und nun auf den großen Wurf
hoffte, der wie aus einem Guss ohne Überarbeitung zustande kommen sollte! Mit meiner ersten und
einzigen Veröffentlichung in der DDR hatte es ja auch so funktioniert, auch wenn selbst da eine Über-
arbeitung nötig gewesen wäre, aber das begriff ich erst Jahrzehnte später.
Dem Alter nach war ich erwachsen, hatte eine Lehre begonnen und entdeckte mit Hilfe von Freunden
meine Liebe zur Rockmusik, speziell zu der Richtung, die sich Avantgarde nannte.